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Was Höflichkeit mit Burnout zu tun hat…

Am Sonntag habe ich auf Deutschlandradio Kultur ein Expertengespräch zum Thema Höflichkeit gehört. Es ging darum, ob diese „noch“ wichtig ist beziehungsweise wie sie zeitgemäß aussehen kann.
Es gab viele interessante Aspekte, insbesondere Rainer Erlinger (SZ-Autor) machte auf sehr angenehme, ja höfliche Art deutlich, wie viel die echte Höflichkeit mit Achtung des anderen zu tun hat.
Das Schöne an einer solchen Radiosendung ist ja, das kennen Sie vielleicht auch, dass man sich parallel eigene Gedanken machen kann. 

CBF Coach NewsMir kam zum Beispiel in den Sinn, dass Höflichkeit immer auch eine Kultur definiert. Es gibt bestimmte Signale, die einer Situation einen bestimmten Wert und einer Person einen bestimmten Status zumessen.  Wahrnehmung und dann Anerkennung dessen, was ist, ausgedrückt durch bestimmte Formen des Umgangs miteinander. Diese Formen sind zwar in unterschiedlichen Kulturen jeweils anders, aber  fast überall haben sie mit schützen / helfen und Ehrerbietung / Unterordnung zu tun oder auch mit beidem zugleich (König/Königin; älterer Mensch; schwangere Frau etc.), die Gegenmünze sind Tugendhaftigkeit, Weisheit, Freundlichkeit, Contenance usw. Selbst festgeschriebene Höflichkeitsrituale – in der o.g. Sendung Etikette genannt – symbolisieren meist noch diesen Ursprung.

Indem man die Symbol-Sprache und Symbol-Handlung kennt und anzuwenden weiß, demonstriert man immer auch Zugehörigkeit – oder jedenfalls den Wunsch danach – zur jeweiligen Kultur.

Welche Kultur haben wir also heute?

In den 70er, 80er Jahren haben viele Frauen bestimmte festgeschriebene Etiketten abgelehnt, weil das Türaufhalten, Mantelhelfen, Aufstehen bei Tisch, wenn eine Dame hereinkommt zwar zum einen Ehrerbietung ihr gegenüber, aber zugleich auch ihre Schutzbedürftigkeit / Schwäche auszudrücken schien und somit dem angestrebten Diskurs um ein Miteinander auf Augenhöhe zwischen Mann und Frau im Wege stand.

Die Abschaffung exakter, vor allem erstarrter Rezepturen im Umgang miteinander ist immer dann geboten, wenn deren wahrer Gehalt entweder nicht mehr stimmt oder damit nicht mehr bedient werden kann.

Das Problem ist nur, dass uns der Wegfall von Vorschriften sehr viel mehr Feingefühl und Intuition abverlangt, denn eine Kultur des Miteinanders auf Augenhöhe – übrigens nicht nur zwischen Mann und Frau – bedeutet nicht einfach das Weglassen der Höflichkeit, sondern deren situativ angemessene Handhabung.

Das erfordert Mitdenken und „Achtsamkeit“.

Elisabeth Bonneau, Kommunikationsberaterin, drückte es in der Sendung so aus: „Man bewegt sich durch einen Raum und vermeidet dabei, anderen auf die Füße zu treten.“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mein Ansatz geht darüber deutlich hinaus, für mich hat Höflichkeit nicht nur mit eigener Zurückhaltung, sondern  gerade auch mit Zuwendung und Übernahme von Verantwortung für die gemeinsame Situation bis hin zur Fürsorge zu tun.

Und nun erfahren Sie auch, warum ich der Meinung bin, dass Höflichkeit im Hinblick auf das Thema Burnout eine Rolle spielt!

Der Gedanke kam mir bei einem Beispiel, das Rainer Erlinger zu der Hörerfrage „Kann ich jemandem auch etwas Unangenehmes sagen oder ist das unhöflich?“  einbrachte. Er berichtete, dass die systematische Aufarbeitung von Flugzeugunglücken durch menschliches Versagen in den USA in vielen Fällen ergeben hat, dass der Ko-Pilot zwar einen Pilotenfehler bemerkte, es aber nicht wagte, dem ranghöheren Piloten seine Wahrnehmung mitzuteilen!

Zu viel Höflichkeit kann also zu Katastrophen führen!

Und da war sie, meine Querverbindung:

Neulich fragte mich eine Führungskraft:

„Kann ich denn ansprechen, dass ich bei meinem Direct Report wahrnehme, wie überlastet er ist, obwohl er doch alles ausgezeichnet macht – er wird das deshalb sicher nicht hören wollen… Ich weiß aber, dass die vielen Projekte und die familiäre Situation mit kleinen Kindern und beruflich eingespannter Frau dazu führt, dass er viel zu wenig schläft, ich weiß auch, dass er oft Schmerzmittel wegen seiner Kopfschmerzen nimmt…und ich sehe es überdies ja auch.“

Ich fragte dagegen: „Was hält Sie also zurück?“

„Nun, er schafft ja alles und bei anderen privaten Bedingungen als seinen sind die Projekte zwar ein Stretch, aber machbar. Ich müsste also die Gesamtsituation ansprechen, aber das ist ja sein Privatleben…“

Schade, dass ich das Pilotenbeispiel noch nicht kannte – ich habe ein anderes benutzt – aber dieses finde ich noch besser geeignet, denn auch hier würde zu viel Höflichkeit im Sinne von zu viel Zurückhaltung eine Katastrophe begünstigen.

Höflichkeit im Sinne von Mitdenken und Achtsamkeit hingegen findet gewiss auch einen höflichen Weg.

© Cristina Barth Frazzetta

http://www.deutschlandradiokultur.de/moral-und-tugend-hoeflichkeit-ein-alter-hut.970.de.html?dram:article_id=350735

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2 Responses to "Was Höflichkeit mit Burnout zu tun hat…"

  • Nadja
    22. April 2016 - 11:29 Reply

    Ein interessante Ansicht wie Höflichkeit mit Burn Out in Verbindung gebracht werden kann. Als ich den Titel las, kam mir noch eine weitere Höflichkeitsform, die häufig zu Burn Out führt: das nicht Nein sagen können. Wenn man beispielsweise um einen Gefallen gebeten wird, obwohl man genau weiß, dass man bis zum Kopf in Arbeit steckt. Eben dieses Bestreben sein Gegenüber nicht enttäuschen zu wollen, führt häufig dazu, dass man Überstunden macht und im schlimmsten Fall die ersten Anzeichen von Burn Out spürt. Dahingehend ist es umso wichtiger, eventuelle Ruhephasen einzuhalten. Hierbei kann es durchaus helfen, wenn anfallende Arbeit mal liegen gelassen oder an andere Mitarbeiter delegiert wird. Ferner sollte man den Alltag auch mit Humor nehmen und über gemachte Fehler lachen können.

    • Cristina Barth Frazzetta
      25. April 2016 - 14:36 Reply

      Liebe Nadja,

      vielen Dank für Ihren Kommentar, den ich sehr hilfreich finde – verweist er doch auf einen wichtigen persönlichen Aspekt, der häufig Ursache einer Stress-Spirale ist!

      Kein Zweifel: Nein-Sagen (wenn möglich freundlich, konstruktiv) ist auf alle Fälle das wichtigste Zeit-Management-Tool und Humor ist sicher die beste Art eine Situation zu relativieren – und Lachen ist sowieso die beste Medizin.

      Die Italiener haben zu diesem Thema ein schönes Sprichwort, das übersetzt ungefähr folgendermaßen lautet: „Die Engel können fliegen, weil sie sich selbst leicht nehmen…“

      Mein Anliegen war es mit meinem Beitrag auf den Außenaspekt des Geschehens hinzuweisen, also den der fürsorglichen Führung oder generell verantwortungsvollen Einflussnahme.

      Beste Grüße

      Cristina Barth Frazzetta

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