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Wenn die Götter uns wirklich prüfen wollen… – Gedanken 70 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges –

Als ich heute im Radio die Berichte zu den 8.-Mai-Feierlichkeiten, zu den letzten Kriegstagen und den 70 Jahren Frieden in unserem Land hörte, war ich sehr berührt.

CBF Coach NewsIch konnte mir vorstellen, wie groß der Wunsch der Menschen damals war, endlich nach all dem Leid wieder Frieden zu haben! Und ich bin sehr dankbar, dass es in meiner Lebenszeit in meinem Land seither tatsächlich keinen Krieg mehr gegeben hat.

Und dann dachte ich plötzlich:  „Wenn die Götter uns wirklich prüfen wollen, dann erfüllen sie unsere Wünsche!“

Denn leben wir bei uns denn im Frieden? Sind wir friedfertig, friedlich, zufrieden?

Wenn ich daran denke, dass die Fallzahlen für Depression und Erschöpfungskrankheiten kontinuierlich ansteigen, dann bin ich mir nicht so sicher. Von der „Volkskrankheit Depression“ ist die Rede. Zwar sind wir nicht der Zerstörung und den Verletzungen durch kriegerische Waffengewalt ausgesetzt und doch geht es uns offenbar nicht wirklich gut…

Kann es also womöglich sein, dass wir die Prüfung (der Götter) nicht bestanden haben?

Wenn ich das griechische Sprichwort nämlich richtig verstehe, dann ist damit gemeint, dass es nicht einfach sein wird, in (oder mit) dem erfüllten Wunsch glücklich zu leben. Nicht einfach, weil ein Wunsch fast immer mit der Hoffnung auf ein Glücksgefühl einhergeht, das aber nicht durch die Erfüllung des Wunsches allein, sondern fortan in der dadurch entstandenen Freiheit vom Sehnen vom eigenen Zutun abhängt…

Ich weiß, dass ich mich hier auf einem Glatteis befinde und dass das Gegenargument heute lautet: „Man darf sich doch nicht einfach mit einem erfüllten Wunsch zufrieden geben – höher, schneller, weiter muss es gehen!!!“

Und genau hier habe ich in Anbetracht des vielen „Un-Glücklichseins“ oder des Mangels an „Seelen-Frieden“ in unserer Gesellschaft den Verdacht, dass wir es geschafft haben, den Kampf, der im äußeren, jedenfalls in unserem Land in seiner offensichtlichen Form, am 8. Mai 1945 zu Ende ging, nach innen in jeden einzelnen von uns zu verlagern!

Der Kampf im Krieg wurde ersetzt durch den Kampf um Dinge, um andauernde Optimierung des eigenen Körpers, seiner Leistung, seiner Ästhetik und zum Kampf um Anerkennung oder darum, überhaupt wahrgenommen werden.

Wie anders ist es zu erklären, dass wir entweder bis an die Erschöpfungsgrenze gehen oder uns schlecht und wertlos fühlen, weil wir das nicht tun beziehungsweise keine Gelegenheit dazu bekommen?

Einmal angenommen, meine Hypothese stimmt, dann stellt sich doch die Frage, wieso wir uns das antun! Ein Erklärungsansatz könnte sein, dass unser „altes“ Gehirn so sehr an Kampf gewöhnt ist, sei es zur Verteidigung oder zur Eroberung, dass es diesen Zustand quasi „braucht“.

Das klingt sicher erst einmal abwegig, würde aber zur hauptsächlichen Funktion unseres Gehirns passen, die da lautet: A) die Organtätigkeiten im Körper so aufeinander abzustimmen, dass sie zusammenpassen und der Körper lebt und B) das Überleben dieses Körpers in einer primär feindlichen Umwelt zu sichern, indem es ihm „totstellen“ (verstecken), „fliehen“ oder aber „kämpfen“ signalisiert. Dazu hält es uns mit subtilen Botschaften möglichst in Verhaltensmustern fest, die „bisher“ wirkungsvoll waren.

So wird zum Beispiel auch eine archaische Überlebensstrategie wie „essen, wenn etwas Essbares da ist“ weiter aufrecht erhalten, obwohl das heute dummerweise zu Übergewicht, Bluthochdruck und Arterienverkalkung führt… Eine uralte Komfortzone, die zu verlassen gar nicht leicht ist. „Komfort“-Zone deshalb, weil das „alte“ Gehirn das Verhalten mit einem „weiter so, hier kannst Du Dich sicher fühlen!“ belohnt! Es bedarf daher anstrengender, unkomfortabler Selbst-Überwindung, ein neues Verhalten, das zu unseren heutigen Bedingungen passt, durchzuhalten.

So könnte es wohl auch beim Thema „Kampf“ sein, denn über Jahrmillionen mussten wir immer äußere Feinde zu bekämpfen, um das Überleben des eigenen Körpers und des eigenen Clans zu gewährleisten. Wir fühlen uns einfach sicherer wenn wir kämpfen – egal um was – wichtig ist nur, dass wir kämpfen. Folgt man dieser These, so ist es nur natürlich, dass der Kampf um Dinge und Anerkennung, sofern wir uns nicht reflektieren, so verbissen wie der Kampf um das Überleben geführt wird…

Ich habe allerdings auch noch einen ganz anderen Erklärungsansatz:

Mir drängt sich nämlich manchmal der Verdacht auf, dass es bei unserer Bereitschaft, uns zu überlasten, vor allem um „Ablenkung“ geht. Aber was könnte uns so gefährlich erscheinen, dass wir uns bis zur Erschöpfung beschäftigen, um uns davon abzulenken?

Ich glaube, dass es das Nachdenken über uns selbst, über unsere ganz persönliche vergängliche Existenz und über die Bedeutung des Lebens an sich ist, das wir vermeiden wollen.

Würden wir anhalten, wären es nämlich diese und ähnliche grundsätzliche Fragen, die uns unser „neues“ Gehirn aufdrängt und sie sind es, die uns beängstigen, weil wir sie nicht so einfach lösen können: Wir fühlen Ohnmacht und die fürchten wir so sehr, dass wir uns lieber durch dauernde Beschäftigung ablenken.

In der großen deutschen Stadt, in der ich mich regelmäßig aufhalte, habe ich seit vielen Jahren keinen Leichenwagen, geschweige denn Leichenzug mehr gesehen. Ich frage mich, wie das kommt und vermute, dass der Anblick des Leichenwagens einfach nicht sehr „populär“ ist, weil er uns an diese grundsätzlichen Fragen erinnert und dass der Transport von Verstorbenen daher, jedenfalls außerhalb des Friedhofgeländes, möglichst unauffällig geschieht.

Meiner Meinung nach ist es die Furcht, der Endlichkeit ins Auge schauen zu müssen, die zu dem kläglichen Versuch führt, wegzulaufen oder mindestens nicht hinzusehen. Da die Endlichkeit aber immer gegenwärtig bleibt, ist das zwecklos und so kommen wir niemals zur Ruhe. Schlimmer noch, je weniger wir die übergeordneten Themen anerkennen, desto bedrohlicher werden sie und es beginnt ein Teufelskreis…

Dann wäre es doch eigentlich ganz leicht, nicht wahr? Wir halten inne, schenken diesen unheimlichen Themen einen Teil unserer Aufmerksamkeit und schon werden sie weniger bedrohlich und wir ruhiger. Warum tun wir es dann nicht – auch dann nicht, wenn wir viele gute Ratgeber gelesen haben und unser Verstand es längst weiß?

Das liegt daran, dass das Rezept zwar stimmt, der Weg zum Ziel aber mit sehr beschwerlichen Hürden verbaut ist:

Wer nämlich immer gekämpft und sich beschäftigt hat, muss wenn er anhalten will, einen schweren Entzug durchmachen. Viele Manager fallen erst einmal in ein Loch, wenn sich Ruhe einstellt – es fühlt sich nicht wie Ruhe an, sondern wie sinnlose Leere…

Wenn wir diesen Entzug erst einmal geschafft haben, was wie bei jeder Droge meist nicht ohne Unterstützung geht, dann schließt sich eine weitere sehr bittere Erfahrung an: Wir fühlen uns klein, denn angesichts der großen Lebensfragen schwindet die Illusion der Allmacht – ein sehr unangenehmer Prozess, bei dem so manches am eigenen Selbstbild bröckelt.

Erst dann, wenn die eigene Begrenztheit anerkannt ist, dann tritt Seelenfrieden ein, denn der beruht ganz wesentlich auf Demut und Hingabe. Hingabe an das, was ist…

Da bleiben die meisten Menschen doch lieber bei der Sehn-Sucht nach innerem Frieden – das bedeutet, sie sehnen sich nicht wirklich nach Seelenfrieden, denn sonst würden sie den schwierigen Weg antreten. Sie sprechen lieber nur davon, denn in Wahrheit sind sie süchtig nach dem Gefühl des Sehnens, das ihnen vorspielt, sie könnten den Seelenfrieden eines Tages, nämlich dann wenn die Umstände nicht mehr so widrig sind, plötzlich finden.

Die Droge, mit der man dieses Gefühl erzeugt, ist – Sie ahnen es schon – der andauernde Kampf!

Erst wenn wir von ihr losgekommen und bei unserem inneren Frieden angekommen sind, können wir auch wirklich Frieden mit anderen schließen – vorher können wir sie gar nicht sehen, haben keine Kraft mehr für Empathie, Freundschaft, Fürsorge…

Das erklärt dann auch, weshalb es uns so schwer fällt zu erkennen, dass unsere 70 Jahre Frieden natürlich nur eine Einbildung sind, solange überall auf der Welt Krieg herrscht, der ja immer auch mit uns zu tun hat!

© Dr. Cristina Barth Frazzetta

 

 

 

 

 

 

 

 

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