Go to Top

Drei Wochen nach dem Germanwings-Unglück – eine Reflexion

Eine Frage erst einmal auszuhalten und nicht gleich zu beantworten, scheint den meisten Menschen schwer zu fallen. Das ist vermutlich so, weil es ein bedrohliches Gefühl von Kontrollverlust erzeugt.

DahCBF Coach Newser werden sofort Antworten gegeben und das vor allem in den schnellen, zeitaktuell arbeitenden Informationsmedien.

Nicht selten liefern diese eigentlich gar keine fertigen Antworten, sondern (Hypo-) Thesen, die sie mehr oder weniger deutlich als solche kennzeichnen, dennoch hören oder lesen wir eine Tatsache heraus! Man kann fast sagen, je beängstigender eine Situation ist, desto mehr wünschen wir uns eine Antwort, die uns eine rationale Einordnung ermöglicht, denn das stärkt unser „Machbarkeitsparadigma“ wieder, wodurch wir uns in Sicherheit wiegen.

Neben der Sensationslust ist es wohl das, was wir in solchen Augenblicken in den Medien suchen und was diese wirksam bedienen.

Ich bin ein großer Anhänger der Verdichtung von Komplexität, der Reduktion größerer Zusammenhänge auf verständliche Modelle und handhabbare Strukturen, aber dabei darf die Komplexität an sich nicht verloren gehen! Sie bleibt immer – ähnlich wie eine narrative Geschichte in der lyrischen Form des Gedichtes ganz enthalten ist – gegenwärtig.

Und genau darin liegt die Verantwortung der Medien, denn, um der schnellen Antworten willen, wird von ihnen die Komplexität eines Themas nicht verdichtet, sondern missachtet.

Dabei wird dann nur allzu oft ein Einzelsymptom zur Ursache erklärt, sodass die eigentlichen Ursachen gar nicht erkannt und somit auch nicht bekämpft werden können. Es wird dabei außerdem die Chance auf Akzeptanz und Hingabe an unsere menschliche Begrenztheit vertan, die uns – würde sie wahrgenommen – helfen würde, so manchen Fehler doch noch zu verhindern!

Vor einigen Tagen habe ich an einem Diskussionsabend zum Thema „Der Pilot und die Medien. Eine kritische Reflexion“ mit Christian Krug, Chefredakteur des Stern, teilgenommen. Ich war sehr erschrocken, dass selbst bei einer Veranstaltung mit dem Ansatz, den Umgang der Medien im Nachhinein kritisch zu beleuchten, überwiegend die gleichen Kurzschlüsse wie in den emotional aufgeladenen Tagen nach dem Unglück wiederholt wurden!

1) Es gäbe keine regelmäßige psychologische Betreuung der Piloten bei der Lufthansa – die Psychologen seien Sparmaßnahmen zum Opfer gefallen…

2) Es müsse nun natürlich auch die ärztliche Schweigepflicht genauer unter die Lupe genommen werden…

3) Es sei sehr fraglich, ob die LH den jungen Mann wieder zur Piloten-Ausbildung hätte zulassen dürfen, wenn er doch schon depressiv gewesen sei…

Die erste Aussage kann ich nicht beurteilen, sollte sie allerdings nicht richtig sein – was eine anwesende LH-Mitarbeiterin sagte – so würde es sich um eine massive Rufschädigung einer starken deutschen Marke handeln!

Die 2. Aussage kann ich beurteilen und finde es geradezu verwerflich, das Thema überhaupt einfach so in den Raum zu stellen! Wenn nämlich die ärztliche Schweigepflicht zur Disposition steht, wird das Vertrauen zum Arzt zutiefst erschüttert. Die Folge wäre, dass sich Menschen mit einer physischen oder psychischen Erkrankung, von der sie fürchten, dass sie ihnen gesellschaftlich und beruflich schaden könnte, nicht mehr rechtzeitig in Behandlung begeben!

Obendrein ist es gar nicht notwendig, diese Debatte zu führen, da im Merkblatt zur ärztlichen Schweigepflicht der Ärztekammer Berlin unter dem Absatz drei „Offenbarungsbefugnis“, Abschnitt c) „Schutz höherwertiger Rechtsgüter“ klare Ausnahmeregelungen benannt und mit eindrücklichen Beispielen beschrieben sind.

http://www.aerztekammer-berlin.de/10arzt/30_Berufsrecht/08_Berufsrechtliches/06_Behandlung_von_Patienten_Pflichten_Empfehlungen/35_Merkblatt_Schweigepflicht.pdf

Eine doch sehr einfache Recherche für jeden Journalisten…

Nun zu Aussage 3.: Auch hier kann ich als Ärztin klar Stellung beziehen, möchte mich dazu aber zunächst auf ein kurzes Statement von Petra Bühring, Politische Redaktion im Deutschen Ärzteblatt beziehen, das im Zusammenhang mit der Berichterstattung zum GW-Absturz auf die fatalen Folgen für psychisch Kranke hinwies. Vermutlich würden sich Diskriminierung und Vorurteile wieder verstärken. Das habe dann womöglich zur Folge, dass sie sich nicht rechtzeitig in eine – in vielen Fällen heilende – Behandlung begeben.

http://www.aerzteblatt.de/archiv/169107/Absturz-von-Germanwings-Flug-4U9525-Das-Stigma-wurde-verstaerkt

Eine Randbemerkung in Petra Bührings Statement möchte ich gern noch hervorheben: Statistisch sei erwiesen, dass psychisch Kranke nicht häufiger zu Gewalttaten neigen als Nicht-Kranke!

Ich selbst habe meine medizinische Doktorarbeit zum Thema „Suizid“ geschrieben und kann dies ganz speziell bestätigen. Suizidhandlungen haben eine Vorgeschichte, die aber keineswegs eine chronische psychische Erkrankung sein muss. Sehr häufig handelt es sich sogar um leistungsstarke Mitglieder unserer Gesellschaft, die sich gefühlt in einer Sackgasse befinden und keinen anderen Ausweg mehr sehen. Das Geschehen kann dann als eine „reaktive“, also heilbare Depression, bezeichnet werden.

In jedem Fall aber findet es im Spannungsfeld zwischen Autoaggression – Aggression – Flucht/Autonomie + Appell statt (Linder 1969 / Henseler 1981). Eine Tat, wie die vom Co-Piloten der GM-Maschine mutmaßlich verübte, ist keineswegs sicher mit seinem Wunsch, selbst zu sterben, verbunden, denn ein Mensch, bei dem die Aggression in der Phase der suizidalen Einengung überwiegt, will meistens mit seinem eigenen Tod sein Umfeld bestrafen. Die Zurückbleibenden sollen leiden – das aber setzt voraus, dass diese am Leben bleiben!

Die einer Suizidhandlung vorausgehende Einengung aber kann erkannt werden – vor allem natürlich vom nahen, alltäglichen Umfeld, also auch von Kollegen und Vorgesetzten. Hier sehe ich durchaus einen Ansatz, um verzweifelte Menschen davor zu bewahren, sich etwas anzutun. Aber das bedarf der Achtsamkeits-Schulung und ist eine ganz andere Diskussion.

Wir wissen also nicht, was diesen jungen Menschen zu einer in so vielfältiger Weise tragischen Tat getrieben hat und kurzgreifende Erklärungsversuche führen gewiss nicht zu größerer Sicherheit vor ähnlichen Taten… Nur eines ist sicher, dass die vorschnellen Antworten zu schweren zusätzlichen Begleitschäden führen!

© Dr. Cristina Barth Frazzetta

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Visit us on LinkedinProfil bei XingE-Mail sendenEnglish